Psychotherapie und Philosophie

Die Geburtsstunde der Psychotherapie lässt sich in unserem Kulturkreis ziemlich genau angeben: Es war der griechische Philosoph S o k r a t e s, der vor zweieinhalbtausend Jahren dieses Projekt startete- das Projekt der freiwilligen, bewussten und systematischen Veränderung des Menschen durch therapeutische Beziehungsgestaltung und Dialog.

 

Schon der Name ‚Psychotherapie’ weist auf ihre philosophische Herkunft hin: psyche (gr.) ist kein medizinischer, auch kein naturwissenschaftlicher, sondern ein philosophischer Begriff und die Auseinandersetzung mit dem menschlichen Erfahrungsbereich, den wir ‚psychisch’ (seelisch) nennen, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte abendländischen Philosophierens.

 

Mit diesem Projekt - der freien und bewussten Selbstveränderung des Menschen im Kontakt mit einem anderen Menschen – steht die Psychotherapie in unserer gesellschaftlichen Landschaft ziemlich alleine da. Sie passt nicht recht zu einer Medizin, die seit mehr als eineinhalb Jahrhunderten an den Naturwissenschaften ausgerichtet ist, ebenso wenig zu einer (natur)wissenschaftlich orientierten akademischen Psychologie, aber auch nicht recht zu einer Pädagogik, die Erziehungsziele durch Lehren und Lernen verwirklicht. Als ein Verfahren, das eine freiwillige Veränderung durch systematische Beziehungsgestaltung und Dialog herbeiführt, findet die Psychotherapie in diesen Nachbardisziplinen keine eigene Grundlage.

 

Die Heimat der Psychotherapie, ihr eigentliches Zuhause, ist die Philosophie, vor allem in ihrer lebenspraktischen Ausrichtung. Die sokratischen Dialoge waren kein medizinisches Verfahren, sie waren keine erzieherische Maßnahme und keine Religionsausübung. In ihrer dialektischen Gesprächs- und Beziehungskunst waren sie vielmehr darauf angelegt, im Menschen eine Art von ‚unbewusstem Wissen’ zutage zu fördern (im Sinne eines allgemein-menschlichen und eines persönlichen Wissens), über das nach Auffassung des Sokrates jedes Individuum natürlicherweise verfügt. Dieses ans Licht bringen zu helfen nennt er ‚Hebammenkunst’ (maieutike techne) und legte damit den Grundstein für alle modernen entwicklungsorientierten und dialogischen Therapieansätze.

 

 „Die Aufgabe des Philosophen ebenso wie die des Therapeuten ist es, die Verdrängung wieder rückgängig zu machen und das Individuum wieder mit etwas vertraut zu machen, was er oder sie schon immer gewusst hat.“ (Irvin D. Yalom)

 

Auch in der Psychotherapie stellt sich oft die Frage nach der persönlichen Ethik, nach unseren Orientierungsmaßstäben, etwa wenn es um wichtige Entscheidungen im Leben geht. Diese Frage ist ihrem Wesen nach philosophischer Natur und lässt sich nicht wissenschaftlich, biologisch oder psychologisch klären. Gerade heute, wo in unserem Kulturkreis das Deutungsprivileg der großen Religionen für Fragen der Ethik (Wie soll ich leben?), der Werte, des Sinns und der ‚letzten Dinge’ mehr oder weniger zusammengebrochen ist, ist der philosophische Hintergrund des Therapierens wieder bedeutsam geworden. Die ethische Frage ‚Wie soll ich leben?’ ist personaler Natur und lässt sich nur im dialogischen Austausch zwischen Personen beantworten.

 

Philosophische Praxis

 

Philosophische Praxis meint hier konkret, dass im Rahmen unserer therapeutischen Zusammenarbeit auch philosophische Fragen Raum bekommen. Etwa wenn es für einen Klienten darum geht, seine eigenen Werte und Prioritäten im Leben zu klären, seine Handlungsmaßstäbe, Sinnfragen und letztlich natürlich die Frage nach seinem Menschsein, oder besser: Menschwerdung – zu wem will ich eigentlich werden? Auch bei existenziellen Krisen und Schicksalsschlägen und in der Auseinendersetzung mit leidvollen Gegebenheiten des Lebens  finden wir Sinn und Trost eher in der Philosophie als in der Psychologie.

 

Meine psychotherapeutische Praxis ist insoweit auch philosophische Praxis, als sie offen ist für solche Fragestellungen, die für einzelne Menschen bedeutsam sind auch für ihr Heilwerden an Leib und Seele.